Montag, 1. Januar 2024

Helmut Schmidt zu Fragen der Zeitgeschichte

Helmut Schmidt/Giovanni di Lorenzo: Auf eine Zigarette mit Helmut Schmidt,   2009/2010; 15. Aufl. 2011

Zitate:

Von der Kubakrise bis zum Nato-Doppelbeschluss

[...] bestand zur Zeit Ihrer Kanzlerschaft wirklich die Gefahr eines Atomkriegs, wie wir damals alle glaubten?

Seit der Kubakrise 1962 keine akute Gefahr. [...]

In diesem Zusammenhang sollte ich erwähnen, dass ich die nukleare Gefahr schon lange vorher sehr deutlich gesehen habe. Als ich 1969 Verteidigungsminister wurde, stieß ich auf Pläne der NATO und der deutschen Militärs, entlang der Zonengrenze auf westdeutscher Seite Hunderte atomarer Landminen zu vergraben.

Von wem stammte denn dieser irrsinnige Plan?
Von der NATO. Gemeinsam mit einem Amerikaner habe ich diesen todgefährlichen Unfug beseitigen können. Der Amerikaner hieß Melvin Laird, er war damals amerikanischer Verteidigungsminister. [...] 
Ich habe gesagt, wenn irgendein kommunistischer Kommandeur in der Verfolgung irgendwelcher flüchtigen Leute über die Grenze rüberkommt und eine atomare Mine geht hoch, dann heben alle deutschen Soldaten die Hände hoch, dann ist Schluss mit der Verteidigung. Dieses Argument hat den amerikanischen Verteidigungsminister überzeugt. Er war genau wie ich ein alter Soldat und wusste, was man Soldaten zumuten kann und was nicht.
Verstehe ich nicht.
Sogar die japanischen Soldaten haben nach der ersten Bombe die Hände hochgehoben. Die zweite Bombe auf Nagasaki war gar nicht mehr notwendig.
Die Massendemonstration im Bonner Hofgarten gegen die Stationierung amerikanischer Raketen in Deutschland wurde als regelrechte Anti-Schmidt-Demonstration verstanden, das war im Jahr 19 81.
Die war auch wohl so gemeint. Aber es war im wesentlichen die Angst vor dem Atomkrieg. Die Anti-Schmidt-Komponente spielte eine zweit- oder drittklassige Rolle; denn mein Amtsnachfolger Helmut Kohl musste etwa später eine gleiche Demonstration aushalten.
Wissen Sie noch, was Willy Brandt damals zu den Protesten von mehr als 300.000 Menschen gesagt hat?
Ich erinnere mich nicht.
Er habe auf deutschem Boden schon Schlimmeres gesehen als eine Massendemonstration für den Frieden.
Ja, das würde ich unterschreiben. Ich habe auf deutschem Boden auch schon viel Schlimmeres gesehen. Willy Brandt hat es von draußen gesehen.
Nimmt das Brands Worten etwas?
Keineswegs. Wohl aber hat der NATO-Doppelbeschluss, gegen den die beiden Demonstrationen sich richteten, zum allerersten Abrüstungsvertrag und auf beiden Seiten zur Beseitigung aller atomare Mittelstreckenraketen geführt."
(29. November 2007, S.91-93)

Sonntag, 31. Dezember 2023

Weltgeschichte

Weltgeschichtsschreibung

Schon Herodot  hat versucht, die Geschichte der gesamten ihm bekannten Welt festzuhalten. Da er sich dabei auf die vorhandene Überlieferung stützte, hat er dafür auch Mythen herangezogen. Mittelalterliche Schreiber von Weltchroniken begannen aus demselben Grund mit der Schöpfung. 

Mit der Begründung der Archäologie gelang es, über die überlieferte Geschichte hinaus (Geschichte im engeren Sinne als Geschichte seit Erfindung der Schrift) durch Nutzung von Überresten Tradition kritisch zu überprüfen und die Menschheitsgeschichte bis zur Entwicklung der Menschen aus den Hominiden zurückzuverfolgen. 

Neue Versuche von Weltgeschichtsschreibung beziehen zum Teil auch die Erdgeschichte mit ein. 

Eine scherzhafte Darstellung der Weltgeschichte findet sich in den Film Weltgeschichte in genau drei Minuten.

Menschheitsgeschichte

Die Geschichte der gesamten Menschheit lässt sich nur in recht abstrahierter Form umfassend darstellen. Sie findet sich im Internet in der Menschheitsgeschichte der Wikipedia. 

Ein Versuch, die Entwicklung differenziert nach Erdteilen und Kulturen darzustellen, findet sich in der Geschichte der Menschheit in Wikibooks.

Jeder Versuch, zum Zwecke der Konkretisierung, noch kleinere Einheiten wie Stämme, Familien oder einzelne Personen einzubeziehen, wird sehr lückenhaft. Im Sinne einer größeren Anschaulichkeit sind diese Versuche aber als Gegenbild zu systematisierender Abstraktion zu begrüßen, z.B. Simon Sebag Montefiore: Die Welt. Eine Familiengeschichte der Menschheit 

Links:

https://de.wikipedia.org/wiki/Weltgeschichte (Weltgeschichtsschreibung)

https://de.wikipedia.org/wiki/Menschheitsgeschichte

https://de.wikibooks.org/wiki/Geschichte_der_Menschheit:_Chronologische_Gesamtdarstellung

https://de.wikipedia.org/wiki/Weltgeschichte#Zeitgen%C3%B6ssische_Werke_der_Weltgeschichte_/_World_History

https://de.wikipedia.org/wiki/Weltgeschichte_in_genau_drei_Minuten

https://de.wikipedia.org/wiki/Weit._Die_Geschichte_von_einem_Weg_um_die_Welt                (aktuelle menschliche Vielfalt)






https://de.wikibooks.org/wiki/Geschichte_der_Menschheit:_Chronologische_Gesamtdarstellung


Mittwoch, 27. Dezember 2023

Simon Sebag Montefiore: Die Welt. Eine Familiengeschichte der Menschheit

 Simon Sebag Montefiore: (original: The World: A Family History) deutsch: 2023, 1534 Seiten

Das Gegenteil der notwendig abstrahierenden Darstellung der Menschheitsgeschichte in der Wikipedia.

Der Trick ist, dass der Verfasser Osterhammels Methode der Darstellung des Gleichzeitigen und des Kulturbereich-Spezifischen aufgreift und tatsächlich auf (mehr oder minder!) die gesamte per Tradition überlieferte Geschichte anwendet und andererseits konsequent Strukturbetrachtung zugunsten von Personalisierung zurückstellt.

Zitate:

"Ein Erfolg für die Amerikaner war, dass sie die Ukraine und Kasachstan davon überzeugen konnten, die [...) Atomwaffen aufzugeben" (S.1389)
"In diesem Werk [...] verwebt Montefiore die Geschichte von Dienern, Höflingen, Königen, Eroberern, Predigern und Philosophen, die Geschichte gemacht haben. Eine brilliante Synthese, die selbst den Belesensten neue Einblicke geben wird." (Henry Kissinger), S.1466.

Auf S.1389 wird auch der sprichwörtliche Taxifahrer (in diesem Fall der gerade arbeitslose Putin) zitiert, der vom "Ende des historischen Russland unter dem Namen der Sowjetunion" spricht.

Zum Inhalt

Earl Grey, Palmerston (fragwürdige Kompromisse)
Gezo von Dahomey  stellte die Wirtschaft um, so dass andere Exportgüter als Sklaven verkauft werden konnten, doch intensivierte er gleichzeitig den Sklavenhandel auf 10 000 Sklaven pro Jahr und finanzierte damit eine "Streitmacht aus 3000 bis 6000 Kriegerinnen, [...]. Die Frauen wurden bereits mit acht Jahren zu Kriegerinnen ausgebildet und durften  weder heiraten noch Sex haben - außer mit dem König" (S.929)". (S.928-930)

Besonders kenntnisreich ist Montefiore in der Geschichte Russlands und der Sowjetunion, das zeigt sich u.a. in seiner Darstellung der Herrschaft Jelzins (S.1380ff.), die hier als Beispiel herangezogen, aber wegen des Copyrights durch die Version der englischen Wikipedia in Maschinenübersetzung angedeutet wird: 
"Im Hinblick auf die Präsidentschaftswahlen 1996 wie auch 1993 hatte Jelzin laut Korzhakov nicht die Absicht, den Kreml zu verlassen, und war bereit, alles zu tun, um seinen Verbleib zu sichern. Jelzin fühlte sich frei, seine Verachtung für demokratische Prinzipien in der Gegenwart von Korzhakov zum Ausdruck zu bringen. Einige Episoden, von denen der Autor berichtet, erinnern fast an die Nixon-Jahre und die veröffentlichten Watergate-Bänder. Korschakow zufolge erörterten Jelzin und sein Premierminister Viktor Tschernomyrdin im Sommer 1996 die sehr ernste Möglichkeit, die Präsidentschaftswahlen abzusagen. Korzhakov fügt mehrere wichtige Details hinzu, die möglicherweise die Ansicht bestätigen, dass der Kreml während des Präsidentschaftswahlkampfes 1996 gegen viele demokratische Regeln verstoßen hat. Er erklärt auch ausführlich die Geschichte, wie die Leute von Anatoli Tschubais versuchten, dem Kreml illegal 500 000 Dollar abzunehmen.

Demokratische Institutionen wie das Parlament und die Gerichte spielten im Leben des Kremls eine äußerst begrenzte Rolle und hatten keinen Einfluss auf den Entscheidungsprozess. Stattdessen erweist sich Jelzins Familie laut Korzhakov als führende politische Institution in Russland. Korschakow kommt zu dem Schluss, dass Jelzin bei seinen Entscheidungen nicht von den Interessen des Staates, sondern von seinem eigenen Familienclan geleitet wurde.

Alexander Litwinenko - ein ehemaliger KGB/FSB-Offizier, der Anfang/Mitte der 2000er Jahre die Seiten wechselte - gibt in seinem Buch "Blowing Up Russia" Korschakow (zusammen mit Barsukow) die Schuld: nur "ihre Geldgier" sei der Grund für den ersten und teilweise auch für den zweiten Tschetschenienkrieg gewesen.

Die Leute um Jelzin
Korzhakov behauptet, dass der Kreml von verschiedenen unkonventionellen Führern wie Leibwächtern wie Korzhakov selbst geleitet wurde. In dem Buch gesteht Korzhakov, dass er und der FSB-Chef Mikhail Barsukov, ein weiteres Mitglied von Jelzins Garde, "das Land drei Jahre lang regiert haben".

Korzhakov zeichnet ein interessantes Porträt der Menschen im Umfeld Jelzins, von denen nur wenige als moralisch und intellektuell höherstehend dargestellt werden als der Autor. Korzhakov beschreibt die Atmosphäre im Umfeld Jelzins als von ungezügelter Vetternwirtschaft geprägt, ein fruchtbarer Boden für Intrigen zwischen denjenigen, die um das Ohr des Präsidenten kämpfen.

Sogar der Gedanke an Mord schwebt in den späten 1990er Jahren über dem Kreml. Die Aufforderungen und Versprechungen von Kremlmitgliedern, ihre politischen Rivalen zu ermorden, ziehen sich wie ein roter Faden durch das Buch. Im Jahr 1999 wiederholte Korschakow die Behauptung, der Finanzmogul Boris Beresowski habe versucht, ihn zur Ermordung des Moskauer Bürgermeisters Juri Luschkow, des Finanzmagnaten und NTV-Gründers Wladimir Gusinski sowie des Schlagersängers und Duma-Abgeordneten Iosif Kobzon, eines Verbündeten Luschkows, zu überreden." (Wikipedia)

Montefiore betont freilich im Unterschied zu Korzhakov auch die Rolle von Jelzins Tochter Tatjana (S.1383). 

Dazu die deutsche Wikipedia über die Sieben-Bankiers-Bande:
"Trotz interner Spaltungen hatten sie sich informell zusammengeschlossen, um Boris Jelzin bei der Präsidentschaftswahl in Russland 1996 mit Hilfe von Finanzierungen über Jelzins Tochter Tatjana die Wiederwahl als Präsident Russlands zu sichern.[1][2] Beim zweiten Wahlgang am 3. Juli 1996 erhielt Jelzin 53,8 % der Stimmen.[3] Im Zuge der Entwicklungen in der Geschichte Russlands kurz vor der Jahrtausendwende (z. B. Rubelkrise ab 1998, Aufstieg Putins) verloren die meisten der 1996 noch führenden Bankiers zunehmend ihre Bedeutung."

Ohne dass man annehmen muss, dass M.s Darstellung immer historisch korrekt ist, zeigt dieses Beispiel wie z.B. auch das der syrischen und koreanischen Diktatoren, dass auch aktuell Verwandtschaft eine wichtige Rolle für die Verteilung und Erhaltung politischer Macht spielen kann. (S.1384-88)

Samstag, 2. Dezember 2023

Zeitgeschichte nach 1945

 "[...] die häufige Wahl Europas als räumlicher Referenzpunkt [scheint] in der Regel eher eine pragmatische Entscheidung angesichts der vorhandenen wissenschaftlichen Expertise denn eine konzeptionelle Entscheidung darzustellen. Und doch erscheint diese Selbstbeschränkung angesichts des sich nach 1945 bahnbrechenden neuen Globalisierungsschubes gerade für die Zeitgeschichte unbefriedigend. Nicht nur bleibt der politische und ökonomische Bedeutungsgewinn nicht-europäischer Regionen seit 1945 unberücksichtigt, sondern eine pragmatische Europazentrierung erschwert auch eine kritische Reflexion in der Öffentlichkeit zirkulierender und häufig essentialistischer Konzepte von Europa.

Wie erhellend eine Einbeziehung der außereuropäischen Geschichte für die Zeitgeschichte sein kann, belegte unter anderem eine ausgezeichnete Sektion zu „Wahrheitskommissionen und historische Identitätsstiftung zwischen Staat und Zivilgesellschaft“, in der anhand der Beispiele Spanien, Guatemala, Südafrika und Australien verschiedene Modelle politischer und geschichtskultureller Aufarbeitung von Bürgerkriegen bzw. (kolonialer) Gewalt verglichen wurden. Die Vorträge zeichneten sich dadurch aus, dass sie Politik und Debatten gesellschaftlicher Befriedung und Versöhnung in den weiteren Kontext von Projekten der Nationsbildung stellten, an denen auch die Geschichtswissenschaften prominent beteiligt waren und sind. Auch wenn die Fallbeispiele im Einzelnen große Unterschiede aufwiesen, war es ein besonderes Verdienst der Sektion, die Kontinente übergreifenden Gemeinsamkeiten der Problemstellungen herauszustellen. Für den deutschen Betrachter warfen die Beiträge zugleich neues Licht auf Besonderheiten der doppelten deutschen Vergangenheitsaufarbeitung nach 1945 und 1989, etwa die Dominanz rechtlicher Fragen wie der Vermögensrestitution und Entschädigung in der Debatte der frühen Bundesrepublik. Es war fast bedauerlich, dass zwei Tage die hier geführte Diskussion von einer Sektion zur Wiedergutmachung in Deutschland und Israel trennten, die durch die Konzentration auf die Praxis der Wiedergutmachung in der Bundesrepublik und in Israel das Ringen um Wiedergutmachung in einen breiteren gesellschaftlichen und bilateralen Kontext stellte. Offen blieb, ob der 11. September 2001 eine Zäsur in den neueren internationalen Debatten um Vergangenheitspolitik und -aufarbeitung bedeutete, die ihren Ausgangspunkt in den Nürnberger Prozessen hatten. Zumindest in den USA sind die von der Clinton-Administration noch massiv geförderten Forschungen zur transitional justice nach den Terroranschlägen schlagartig in den Hintergrund getreten. [...]" (S.53/54)

Till Köstler: Zeitgeschichte nach 1945 (Bericht vom Historikertag 2006)

Samstag, 30. September 2023

Zwei deutsche Gesellschaften

 „Viele sind sich der Ähnlichkeiten während der 40 Jahre Trennung nicht bewusst“ FR 30.9.23

Interview mit Gunilla Budde ["So fern, so nah. Die beiden deutschen Gesellschaften (1949-1989) 2022]

"Die Liebe zu Jeans und zum Kleingarten: Die DDR und die BRD hatten viel gemeinsam. Historikerin Gunilla Budde über eine geteilte deutsche Geschichte, von der wir auch jetzt noch lernen können. [...]

Die Gärten in der DDR wurden noch weit stärker als in der Bundesrepublik zur Selbstversorgung genutzt – und manchmal auch für mehr. In meinem Buch berichtet ein Zeitzeuge, dass er an einem Lebensmittelgeschäft ein Schild entdeckte, auf dem überraschenderweise nicht der Ver- sondern der Ankauf von Obst und Gemüse von Schrebergärten aus der Umgebung beworben wurde. Verlegen erklärte der Händler, dass er in seinem Laden ausschließlich Obst und Gemüse aus den umliegenden Kleingärten verkaufen würde. [...]

Über die gesamten 40 Jahre der Trennung wurden Pakete von West- nach Ostdeutschland geschickt. Was genau packten die Familienmitglieder ihren Verwandten hinein?

Zunächst gab es staatliche Vorgaben, was hinein durfte und was nicht. Das SED-Regime hatte die Sendungen genau im Auge, rechnete aber auch zunehmend mit ihnen. Die beliebtesten Produkte waren Bohnenkaffee, Seife, Perlonstrümpfe und Apfelsinen. Weil die Pakete oft länger unterwegs waren, faulten manchmal die Orangen schon etwas. Man kann sich vorstellen, dass sich dadurch ein ganz eigenartiger Duft entwickeln konnte: Eine Mischung aus Kaffee, überreifen Südfrüchten und Seife verbanden die ostdeutschen Familien mit den Paketen, gleichsam den Duft der großen, weiten Welt. Entsprechend fieberte man allmonatlich dem Westpaket entgegen.

[...] bei aller Freude, die sie auslösten, wurde die Geschichte der Westpakete nach und nach auch zu einer Geschichte der Missverständnisse. Allabendlich vorm Fernseher sah die Ostverwandtschaft im Werbefernsehen, was es im Westen alles an Markenprodukten zu kaufen gab. Das steigerte die Erwartungen, aber auch die Forderungen. Wenn dann der Aldi-Kaffee im Paket ankam, der im Westen selbst getrunken wurde – und nicht die ersehnte „Krönung“ – kam es zu Spannungen. Die Westverwandtschaft wiederum schickte teilweise auch noch in den 1970er Jahren Mehl, Butter und Rosinen, die in der DDR schon lange keine Mangelware mehr waren.


Als Dank für die West-Pakete kamen aber auch Päckchen aus dem Osten.

Eben dafür wurden diese Zutaten geschickt. Denn ein Klassiker zu Weihnachten war der Dresdner Stollen. Aber auch Langspielplatten des Thomaner-Chors und die handgeschnitzten Erzgebirgsengel waren beliebte Gegengaben, mit denen man sich im Osten revanchieren wollte, um nicht als bloßer Almosenempfänger dazustehen. Doch die spannungsreiche Schieflage blieb, denn Westpakete wurden bis zum Ende der DDR verschickt. [...]"

Mittwoch, 14. Juni 2023

Aus der Vorgeschichte der Ukraine

Aus der Sicht eines französischen Historikers von 1965: Roger Portal


Swjatoslaw I.  "er fiel, und aus seinem Schädel machten die Sieger eine Trinkschale." (S.60)

"So war Kiew kaum mehr als eine tote Stadt, als es 1240 von der Woge der mongolischen Invasion überschwemmt wurde [...]
Hinzukam die völlige Unterbrechung aller Handelsbeziehungen zu Byzanz seit seiner Plünderung durch die Kreuzfahrer im Jahr 1204.
Es ist ein merkwürdiges Paradox, dass die Christenheit des Westens, ohne es zu ahnen, den Horden Asiens Vorschub geleistet und so dazu geholfen hat, einen Staat aus der Landkarte zu tilgen, der nach Osten den äußersten Vorposten der Christenheit gebildet hatte." (S. 75)

"Während der Zeit des europäischen Frühmittelalters wurde die Ostukraine etwa um das Jahr 750 Teil des Chasarenreiches. Außerdem gehörte es zum Handelsnetz der Radhaniten; diese jüdischen Kaufleute stellten etwa vom 8. bis zum 11. Jahrhundert die Handelsbeziehungen zwischen den verfeindeten Ländern des Abendlandes und der Islamischen Welt sicher und betrieben dabei sogar Handel mit Indien und China – dies stellt wahrscheinlich die beste Begründung für die Wichtigkeit des Judentums im Chasarenreich dar. Die Magyaren, die um das Jahr 600 n. Chr. noch im Wolgagebiet lebten, siedelten sich um das Jahr 900 n. Chr. im Gebiet zwischen Dnister und Dnepr an – vermutlich das von den Magyaren sogenannte Etelköz (wörtlich: Land zwischen den Flüssen) an der Westgrenze des Chasarenreiches, dem sie tributpflichtig waren. In dieser Zeit schlossen sich ihnen auch die Kabaren an – drei Stämme, die gegen das Chasarenreich rebellierten – und zogen aufgrund des Drucks der Petschenegen aus den Weiten der Eurasischen Steppengebiete und der mit ihnen verbündeten Bulgaren unter Zar Simeon I. in Richtung Westen in die Karpaten. Nach dem Niedergang des Chasarenreiches kamen die Reitervölker der Petschenegen, Kumanen sowie die Goldene Horde. [...]
Im 9. Jahrhundert errichteten ostslawische Stämme unter dem Einfluss skandinavischer Waräger an den Handelswegen von Skandinavien und Nowgorod nach Süden in Richtung Konstantinopel ein lose verfasstes Großreich mit der Hauptstadt Kiew, die „Kiewer Rus“. Dessen Herrscher Wladimir der Große (reg. 980–1015) entschied sich im Jahre 988 für die Annahme des Christentums nach östlichem Ritus. Der Süden der heutigen Ukraine wurde bis ins 13. Jahrhundert von nomadischen Steppenvölkern, insbesondere den Petschenegen und später den Kyptschaken (Kumanen, „Polowzern“; ukrainisch Половці), beherrscht. [...]
Fürstentüm Kiew, Fürstentüm Nowgorod, Fürstentüm Galizien (später Fürstentum Galizien-Wolhynien), Fürstentüm Wladimir (später Fürstentüm Wladimir-Susdal), Fürstentüm Sewerien, Fürstentüm Smolensk, Fürstentüm Polotzk haben sich oft auch mit der Unterstützung von ausländischen Armeen gegenseitig bekämpft. 1169 eroberte der Fürst von Wladimir-Susdal Kiew, brannte es nieder, eignete sich den Titel des Großfürsten an und setzte in Kiew seinen Sohn als Fürsten ein. 1202 nahm Roman von Halytsch-Wolhynien Kiew in Besitz und leitete daraus einen Anspruch auf die Würde des Großfürsten ab, aber schon im Folgejahr verlor er die Stadt an die Fürsten von Perejaslawl. [...]
Nach der Plünderung von Kiew 1240 weichen die historischen Perspektiven der russischen und ukrainischen Historiker voneinander ab: die einen konzentrieren sich auf das Fürstentüm Wladimir-Susdal, die anderen auf das Fürstentum Galizien-Wolhynien. Natürlich war die Kirche (genauer gesagt die Orthodoxen und Katholischen Kirchen) ein wichtiger Bestandteil des Machtkampfes in dieser Zeit. Dieser Machtkampf konnte durch den Umstand, dass Krim-Khanat im Süden der Ukraine unter dem Einfluss der Osmanen stand und somit islamisch war, nur noch verschärft werden.

Eine eigenständige Bedeutung erlangte ab dem 12. Jahrhundert das westukrainische Fürstentum Halytsch-Wolhynien (siehe auch Wolhynien und Geschichte Galiziens). Im 13. Jahrhundert musste es die Oberhoheit der Goldenen Horde akzeptieren und dem militärisch stärkeren Kontrahenten Wladimir-Susdal widerstehen. So suchte es Unterstützung im Westen und 1253 ließ sich Daniel Romanowitsch von Galizien von einem päpstlichen Legaten zum Rex Rusiae („König von Russland“) krönen.[19]

Der Süden der heutigen Ukraine wurde zu einem eigenständigen, unter osmanischer Schutzherrschaft stehenden Krim-Khanat. Große Teile der Steppengebiete in der heutigen Südukraine wurden in der Zeit 1368–1783 von den Nachfahren der Nogaier-Horde, den Schwarz-Nogaiern, beherrscht und in Gemengelage besiedelt. Viele als „Krimtürken“ aufgefasste Nomaden waren in Wirklichkeit Nogaier.

Im 14. Jahrhundert zerfiel das Fürstentum, sein nordöstlicher Teil wurde, wie auch die zentralukrainischen Gebiete am Dnepr mit Kiew, nach der Schlacht am Irpen Teil des Großfürstentums Litauen (siehe Geschichte Litauens). Den südwestlichen Teil des Fürstentums, („Rotruthenien“, „Galizien“) eroberte Kasimir der Große von Polen Mitte des 14. Jahrhunderts (siehe Geschichte Polens). [...]

Im durch die Lubliner Union von 1569 gebildeten litauisch-polnischen Doppelstaat wurden auch die bisher zu Litauen gehörenden ukrainischen Gebiete der polnischen Krone unterstellt. Im Gegensatz zu der bisherigen liberalen Politik Litauens nahmen ab diesem Zeitpunkt die wirtschaftliche und religiöse Unterdrückung der orthodoxen Bevölkerung durch Polen zu. Um die religiöse Spaltung zu überwinden, wurde die Idee einer „Wiedervereinigung“ von katholischer und orthodoxer Kirche in Litauen-Polen verfolgt. Deren konkrete Umsetzung in der Kirchenunion von Brest 1596 stieß aber auf viel Widerstand unter den Ruthenen: Die neu geschaffene griechisch-katholische Kirche, die den östlichen Ritus beibehielt, aber dem Papst unterstellt war, wurde von vielen nicht akzeptiert, da sie organisatorisch nur als Anhängsel der Westkirche wirkte. Weitere Ursache für Konflikte war die Tatsache, dass der ukrainische Adel nicht als gleichberechtigte dritte Stütze des Staates neben den Polen und Litauern anerkannt wurde.

Der Rest der Ukraine stand zur gleichen Zeit unter der Herrschaft des Zarenreich Russlands.

Gegen den Widerstand der polnisch-litauischen Adligen errichtete Bohdan Chmelnyzkyj 1648 durch einen Vertrag mit dem polnischen König Jan Kazimierz einen eigenständigen ukrainischen Kosakenstaat (Hetmanat) mit Regierungssitz in Tschyhyryn, der aber 1651 durch Bündnisse mit Russland und dem Osmanischen Reich wieder in Abhängigkeiten geriet. Daraufhin wurde die Ukraine zwischen Polen, welches die Rechtsufrige Ukraine erhielt, und Russland, das die linksdneprischen Gebiete bekam, geteilt. Im russischen Teil der Ukraine begann der Aufstieg der Russischen Sprache in der Ukraine, während im polnischen Teil die schon lange anhaltende Polonisierung weitergeführt wurde. Die dreißig Jahre zwischen dem Tod Chmelnyzkyis 1657 und der Wahl Iwan Masepas zum Hetman der Saporoger Kosaken 1687 werden als Ruin (ukr. Руїна) bezeichnet; sie waren geprägt von häufigen Auseinandersetzungen, Bürgerkriegen und Interventionen fremder Mächte.

Während aus dem Vertrag von Hadjatsch abgeleitet werden kann, dass die Kosaken ihren Staat als Nachfolger der Rus' sahen und die ruthenische (altukrainische) Sprache sprachen, wurde der Begriff „Ruthenen“ hauptsächlich auf den Teil der Bevölkerung angewendet, der unter der Kontrolle des polnischen Staates stand.

Judenverfolgung

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