Samstag, 6. Juni 2026

Jan Gerber: Das Verschwinden des Holocaust. Zum Wandel der Erinnerung

 Jan GerberDas Verschwinden des Holocaust Zum Wandel der Erinnerung

Perlentaucher

unter anderem:

Klappentext:"[...] Der Holocaust bewegte sich erst seit den Siebzigern aus den Vororten des Gedächtnisses an den Zweiten Weltkrieg in sein Zentrum.[...] Jan Gerber geht den Ursachen dieser Entwicklung nach. Er fragt nach jenen Bedingungen von Erinnerung und Erkenntnis, die gegenwärtig zu erodieren scheinen. Dazu verbindet er die Gedächtnisgeschichte des Holocaust mit der Politik-, Wirtschafts- und Sozialgeschichte des 20. und 21. Jahrhunderts. [...]"

NZZ: "[...] Der Autor nennt konkrete Zahlen, zum Beispiel, dass in Frankreich 46 Prozent der 18- bis 29-Jährigen noch nie vom Holocaust gehört haben. Gerber erklärt laut Biller zunächst, warum es so lange dauerte, das Verbrechen überhaupt in seinem Ausmaß zu begreifen. [...]"

SZ, Welt, FAZ

In seinem Buch „Das Verschwinden des Holocaust. Zum Wandel der Erinnerung“ (erschienen 2025 in der Edition Tiamat) widmet sich der Historiker und Politikwissenschaftler Jan Gerber einer alarmierenden These: Die kollektive Erinnerung an den Holocaust schwindet in der Gegenwart und verliert an Kontur.

Anstatt das Gedenken als eine stetig wachsende, unumstößliche Errungenschaft zu betrachten, zeigt Gerber in seinem historischen Essay, wie brüchig, umkämpft und widersprüchlich diese Erinnerung von Anfang an war. Er verbindet dabei die Gedächtnisgeschichte der Schoa mit der Politik-, Wirtschafts- und Sozialgeschichte des 20. und 21. Jahrhunderts.

KI Gemini:

1. Das „erste Verschwinden“ nach 1945

Gerber bricht mit dem Mythos, dass das Bewusstsein für die Singularität (Einzigartigkeit) des Verbrechens direkt nach dem Zweiten Weltkrieg einsetzte. Unmittelbar nach 1945 geriet der Holocaust im öffentlichen und intellektuellen Bewusstsein das erste Mal in Vergessenheit.

  • Das Unvorstellbare: Die Vernichtung der europäischen Juden lag jenseits des menschlichen Vorstellungsvermögens. Zeitgenossen (selbst namhafte Intellektuelle wie Jean-Paul Sartre) erfassten die spezifisch jüdische Dimension des Verbrechens zunächst nicht oder drängten sie in den Hintergrund.

  • Ablenkung durch andere Ängste: In den 1950er- und 1960er- Jahren wurde das Grauen von Auschwitz oft von zeitgenössischen globalen Konflikten überlagert – wie der Angst vor der Atombombe („Kampf dem Atomtod“) oder dem Kalten Krieg. Der Holocaust galt in dieser Zeit oft nur als ein Verbrechen unter vielen.

Interessanterweise kommt (zumindest in der Zusammenfassung) die Rolle Fritz Bauers   und der Frankfurter Auschwitzprozesse zu kurz.

2. Die späte Entdeckung und die Rolle des „Opfers“

Erst ab den 1970er-Jahren wanderte der Holocaust aus den „Vororten des Gedächtnisses“ in das Zentrum des geschichtlichen Bewusstseins.

  • Gerber beschreibt dies als einen tiefen Wandel von Rollenbildern: In der Nachkriegszeit dominierte das Leitbild des „strahlenden Helden“. Erst als dieses erodierte, entstand Raum für die Anerkennung der „Sozialfigur des Opfers“ und die Aufarbeitung des spezifisch jüdischen Leids.

  • Einen massiven Schub im breiten Bewusstsein gab es erst ab Ende der 1970er-Jahre, nicht zuletzt getrieben durch popkulturelle Ereignisse wie die US-Fernsehserie „Holocaust“ (1979) und die Etablierung des Begriffs Schoa in den 1980er-Jahren.

3. Das „zweite Verschwinden“ in der Gegenwart

Den Schwerpunkt des Buches bildet die Analyse der aktuellen Gegenwart, in der die Erinnerung erneut zu erodieren droht – allerdings auf eine andere Weise als nach 1945.

  • Universalisierung und Banalisierung: Gerber argumentiert, dass der Holocaust im Zuge offizieller Gedenktage und Feierstunden zu einer Art universellen Schiffre, einem „Container“ für jede Form von Unrecht und Gewalttat geworden ist. Wenn Auschwitz für alles Mögliche als Warnung herhalten muss (für Demokratie, Toleranz oder Menschenrechte), verblasst der Blick auf den konkreten, historischen Kern: die gezielte Vernichtung des jüdischen Volkes.

  • Postkoloniale Debatten und akademischer Wandel: Das Buch ordnet aktuelle ideengeschichtliche Debatten ein. Gerber zeigt auf, dass an den Universitäten die Holocaust Studies zunehmend von den Colonial Studies verdrängt werden. In manchen postkolonialen Strömungen und linken Diskursen wird die Singularität des Holocausts infrage gestellt und das Verbrechen mit Kolonialverbrechen gleichgesetzt oder relativiert, wodurch es in der – wie Hannah Arendt es nannte – „Sauce des Allgemeinen“ unterzugehen droht.

  • Die Politik Israels: Auch der aktuelle Umgang mit und die Kritik an der Politik des Staates Israel spielen in diesen erinnerungspolitischen Verschiebungen eine zentrale Rolle, was Gerber historisch herleitet.

Fazit: Jan Gerbers Essay ist eine scharfe Kritik an der heutigen Erinnerungskultur. Er zeigt, dass eine ritualisierte und moralisch aufgeladene Erinnerung paradoxerweise dazu führen kann, dass das eigentliche historische Ereignis unsichtbar wird. Das Buch plädiert für die Wiedergewinnung einer klaren historischen Urteilskraft, um die Besonderheit des Holocausts gegen Relativierungen von rechts wie von links zu verteidigen.

Samstag, 23. Mai 2026

Blette und Einschränkungen für Juden

 Eine Blette war ein Gutschein für eine Übernachtung und ein Essen bei einer jüdischen Familie. Bletten wurden von jüdischen Gemeinden an Landjuden ausgegeben. Nach den Vertreibungen im Mittelalter wurden erst im 17. Jahrhundert Juden in größerer Zahl von den Territorialherren - auch gegen den Widerstand der Stadtoberen - in die Städte aufgenommen, wenn sie vom Territorialherren einen Schutzbrief kauften. Die weit überwiegende Mehrzahl der Juden konnten einen solchen Schutzbrief aber nicht bezahlen. Um Landjuden zu ermöglichen, wenigstens tageweise eine Stadt zu besuchen und Handel zu treiben (vgl. Hausierer), übernahmen die städtischen jüdischen Gemeinden die Ausgabe dieser Art von Schutzbriefen für einen Tag.[1]

AnmerkungenBearbeiten

Montag, 18. Mai 2026

Veröffentlichungen der Geschichtswerkstatt Geschwister Scholl/Bensheim:

Die Geschichtswerkstatt der Geschwister-Scholl-Schule (GSS) Bensheim ist ein schulisches Projekt, das sich im Sinne der Geschwister Scholl der Aufarbeitung und Dokumentation der jüngeren deutschen Geschichte widmet. Besonders im Fokus stehen dabei lokale Bezüge, wie z. B. die Erforschung der Spuren von Zwingenbergern oder die jüdische Geschichte in Bensheim, etwa durch einen Kurzfilm zum Kaufhaus GANZ www.bildungsserver.de www.gss-bensheim.de.

Die Werkstatt wird von Lehrkräften wie Frank Maus und Peter Ströbel geleitet und ist unter der Adresse Eifelstraße 43, 64625 Bensheim erreichbar (Telefon: 06251 / 10820) arbeitsplattform.bildung.hessen.de.

Aktivitäten und Projekte:

  • Schüler:innen recherchieren zu lokalhistorischen Themen, z. B. im Stadtarchiv Bensheim, das über 2.000 Regalmeter Archivgut zur Stadtgeschichte umfasst bensheim.de.
  • Es wurden bereits Projekte wie die Dokumentation der Geschichte des Tonwerks in Heppenheim („Wer Vater und Mutter nicht ehrt, der muss ins Tonwerk!“) oder die jüdische Geschichte Bensheims umgesetzt arbeitsplattform.bildung.hessen.de www.gss-bensheim.de.
  • Die Geschichtswerkstatt kooperiert mit lokalen Akteur:innen und Projekten wie „Bensheim lebt Demokratie“ und bittet regelmäßig die Bevölkerung um Mithilfe bei der Erforschung weiterer Traditionsgeschäfte oder Familien www.instagram.com www.gss-bensheim.de.
  • Aktuell untersuchen Schüler:innen z. B. die ehemalige Futter- und Mehlhandlung der jüdischen Familie Hannchen und Moses Wolf www.gss-bensheim.de.

Kontaktmöglichkeiten:

  • Offizielle Website der GSS: www.gss-bensheim.de (dort findet sich auch eine spezielle Seite zur Geschichtswerkstatt) www.gss-bensheim.de.
  • Telefonisch über die Schule: 06251 / 10820 oder per Fax: 06251 / 108222

Veröffentlichungen der Geschichtswerkstatt Geschwister Scholl/Bensheim: 

 https://arbeitsplattform.bildung.hessen.de/netzwerk/geschichtswerkstatt/veroeffentlichungen_geschichtswerkstatt.pdf

https://arbeitsplattform.bildung.hessen.de/netzwerk/geschichtswerkstatt/publikationsverzeichnis.html

https://bensheim.de/rathaus-politik/stadtverwaltung/stadtarchiv/

https://djaco.bildung.hessen.de/infos_themen/index.html

https://djaco.bildung.hessen.de/index.html

Montag, 11. Mai 2026

Lastenausgleichsgesetz

 Damals herrschte großes Elend unter den Flüchtlingen (!), vertriebenen Millionen von Deutschen. Und es gab ein Lastenausgleichsgesetz, wo die Besitzenden zum Ausgleich der Verluste der Vertriebenen beitrugen. "Die Lastenausgleichsleistungen betrugen bis Ende 1982 insgesamt rund 115 Mrd. DM, waren aber damit noch nicht beendet.[1]" Ohne Belastung der Reichen lässt sich Armut nicht beseitigen.

"Wohnraumhilfe:

Bevorzugung bei der Zuweisung von Mietwohnungen (die Gemeinden verwalteten noch viele Jahre nach dem Krieg den gesamten Wohnraum und bestimmten, wer wohin ziehen durfte)" (Wikipedia)

In unserer Wohnung mit 5 Kindern lebten zeitweise zwei weitere Familien. Allerdings hatten auch wir bei anderen Familien gewohnt, als unsere Wohnung von der US-Verwaltung beschlagnahmt war.

In der Präambel hieß es: „In Anerkennung des Anspruchs der durch den Krieg und seine Folgen besonders betroffenen Bevölkerungsteile auf einen die Grundsätze der sozialen Gerechtigkeit und die volkswirtschaftlichen Möglichkeiten berücksichtigenden Ausgleich von Lasten und auf die zur Eingliederung der Geschädigten notwendige Hilfe" (Wikipedia)

Soziale Gerechtigkeit war das Schlagwort, das das Wirtschaftswunder möglich machte. Das Lastenausgleichsgesetz hat wesentlich dazu beigetragen.

Donnerstag, 7. Mai 2026

Zerstörung archäologischer Quellen

 "[...] Die Katastrophe wiederholt sich fast jeden Tag, nahezu geräuschlos, scheint unaufhaltsam und hat ganz Deutschland erfasst. Sie vernichtet das Gedächtnis von Jahrtausenden, das Wissen von dem, was war. Die Behörden, die damit beauftragt sind, die Erinnerung an die Vergangenheit zu schützen, erklären sich für machtlos, und die Politik scheint ahnungslos. Die Katastrophe, von der die Rede ist, droht nichts Geringeres zu zerstören als das wichtigste Archiv in Deutschland. Gemeint ist damit nicht die Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar, nicht das Deutsche Literaturarchiv Marbach, sondern der Boden unter unseren Füßen: die Erde und alle Geheimnisse, die darin seit Anbeginn der Menschheit geborgen sind.

»Es ist entsetzlich«, sagt Mathias Hensch, Kreis- und Stadtarchäologe im niedersächsischen Uelzen.

»Ich kämpfe auf verlorenem Posten«, sagt André Richter, Bodendenkmalpfleger im thüringischen Sömmerda.

»Wir müssen uns eingestehen: Wir haben die Kontrolle verloren«, klagt Jonathan Scheschkewitz vom Landesdenkmalamt Baden-Württemberg. [...]

Für Deutschland fordert der studierte Archäologe Michael Heinzlmeier, der bei der Polizei als Hauptkommissar mit dem Thema befasst ist, den freien Handel mit Metallsonden einzuschränken. Sein Vorschlag: Leistungsstarke Detektoren dürften nur noch mit staatlicher Lizenz erworben werden, so wie es das Waffengesetz vorsieht. Rechtlich sei das möglich. Der Haken: Denkmalschutz ist Ländersache. Doch das Problem ist nur bundesweit lösbar, alle Regierungen müssten sich verständigen. Ein weiter Weg also durch die Instanzen. Der zu lang sein könnte, um im Boden die Reste von Deutschlands Kulturerbe zu retten. [...]"


https://www.zeit.de/2026/20/raubgrabungen-metallsonden-archaeologie-denkmalschutz/komplettansicht

Samstag, 2. Mai 2026

Bismarck zur Beziehung Deutschland-Frankreich

 Bismarck. Gedanken und Erinnerungen, 23. Kapitel Versailles

"Es war unter diesen Umständen keine übertriebene Ängstlichkeit, wenn ich in schlaflosen Nächten von der Sorge gequält wurde, dass unsere politischen Interessen nach so großen Erfolgen durch das zögernde Hinhalten des weiteren Vorgehens gegen Paris schwer geschädigt werden könnten. Eine weltgeschichtliche Entscheidung in dem Jahrhunderte alten Kämpfe zwischen den beiden Nachbarnvölkern stand auf dem Spiel und in Gefahr, durch persönliche und vorwiegend weibliche Einflüsse ohne historische Berechtigung gefälscht zu werden, durch Einflüsse, die ihre Wirksamkeit nicht politischen Erwägungen verdankten, sondern Gemüts- eindrücken, welche die Redensarten von Humanität und Zivilisation, die aus England bei uns importiert/worden, auf deutsche Gemüter noch immer haben; war uns doch während des Krimkriegs von England aus nicht ohne Wirkung auf die Stimmung gepredigt worden, dass wir zur Rettung der Zivilisation die Waffen für die Türkei ergreifen müssten. Die entscheidenden Fragen konnten, wenn man wollte, als ausschließlich militärische behandelt werden, und man konnte das als Vorwand nehmen, um mir das Recht der Beteiligung an der Entscheidung zu versagen; sie waren aber doch solche, von deren Lösung die diplomatische Möglichkeit in letzter Instanz abhängen, und wenn der Abschluss des französischen Krieges ein weniger günstiger für Deutschland gewesen wäre, so blieb auch dieser gewaltige Krieg mit seinen Siegen und seiner Begeisterung ohne die Wirkung, die er für unsere nationale Einigung haben konnte. Es war mir niemals zweifelhaft, dass der Herstellung des deutschen Reiches, der Sieg über Frankreich vorher gehen musste, und wenn es uns nicht gelang, ihn diesmal zum vollen Abfschluss zu bringen, so waren weitere Kriege ohne vorgängig Sicherstellung unserer vollen Einigung in Sicht." (S.422/23) 

Donnerstag, 30. April 2026

1970 - 2007 eine Epoche wachsender Ungleichheit

"[...] Rubin wurde, nachdem er 1995 ins Finanzministerium wechselte, ein weithin bewunderter Minister. Er entschärfte die Finanzkrisen in Mexiko, Asien und Russland, legte einen ausgeglichenen Haushalt vor und führte die Wirtschaft durch die längste Wachstumsphase der Geschichte. [...]" (Packer: Die AbwicklungS.259)

"Es stellte sich bald heraus, dass die Rubinomie nur wenig bewirkt hatte. Die Jahre 1993-1999 bremsten kaum die langfristigen Trends, die sich seit einer Generation abzeichneten. Von den späten Siebzigern bis zum Jahre 2007, eine Zeit, in der Rubin, die zu den wichtigsten Entscheidungenträgern bei Goldmann Sachs, im Weißen Haus, im Finanzministerium und bei der Citigroup gehört hatte, wuchs der Finanzsektor spektakulär, während die Vorschriften und ungeschriebenen Gesetze, die/ihn im Zaum gehalten hatten, hinweggefegt wurden. Finanzkonzerne verdoppelten ihren Anteil am wirtschaftlichen Gesamtgewinn und die Gehälter im Finanzbereich verdoppelten sich in Bezug auf das Gesamteinkommen. Das oberste Prozent der Gesellschaft verdreifachte seinen Anteil am nationalen Einkommen, während des Einkommen der Mittelklasse nur um zwanzig Prozent das Einkommen der unteren Schichten überhaupt nicht stieg. Vierzig Prozent des gesamten Privatvermögens gehörten dem einen obersten Prozent im Jahr 2007, die unteren vier Fünftel besaßen zusammen nur sieben Prozent. Die Jahre, in denen Rubin, einer der mächtigsten Männer der Welt, der Wall Street und der amerikanischen Politik gewesen war, waren ein Zeitalter massiver Umverteilung – einer vererbbare Ungleichheit, die das Land seit dem 19. Jahrhundert nicht mehr gesehen hatte. " (Packer: Die Abwicklung, S. 280/281). 

Jan Gerber: Das Verschwinden des Holocaust. Zum Wandel der Erinnerung

  Jan Gerber :  Das Verschwinden des Holocaust  Zum Wandel der Erinnerung Perlentaucher unter anderem: Klappentext: "[...]  Der Holocau...