Bismarck. Gedanken und Erinnerungen, 23. Kapitel Versailles
"Es war unter diesen Umständen keine übertriebene Ängstlichkeit, wenn ich in schlaflosen Nächten von der Sorge gequält wurde, dass unsere politischen Interessen nach so großen Erfolgen durch das zögernde Hinhalten des weiteren Vorgehens gegen Paris schwer geschädigt werden könnten. Eine weltgeschichtliche Entscheidung in dem Jahrhunderte alten Kämpfe zwischen den beiden Nachbarnvölkern stand auf dem Spiel und in Gefahr, durch persönliche und vorwiegend weibliche Einflüsse ohne historische Berechtigung gefälscht zu werden, durch Einflüsse, die ihre Wirksamkeit nicht politischen Erwägungen verdankten, sondern Gemüts- eindrücken, welche die Redensarten von Humanität und Zivilisation, die aus England bei uns importiert/worden, auf deutsche Gemüter noch immer haben; war uns doch während des Krimkriegs von England aus nicht ohne Wirkung auf die Stimmung gepredigt worden, dass wir zur Rettung der Zivilisation die Waffen für die Türkei ergreifen müssten. Die entscheidenden Fragen konnten, wenn man wollte, als ausschließlich militärische behandelt werden, und man konnte das als Vorwand nehmen, um mir das Recht der Beteiligung an der Entscheidung zu versagen; sie waren aber doch solche, von deren Lösung die diplomatische Möglichkeit in letzter Instanz abhängen, und wenn der Abschluss des französischen Krieges ein weniger günstiger für Deutschland gewesen wäre, so blieb auch dieser gewaltige Krieg mit seinen Siegen und seiner Begeisterung ohne die Wirkung, die er für unsere nationale Einigung haben konnte. Es war mir niemals zweifelhaft, dass der Herstellung des deutschen Reiches, der Sieg über Frankreich vorher gehen musste, und wenn es uns nicht gelang, ihn diesmal zum vollen Abfschluss zu bringen, so waren weitere Kriege ohne vorgängig Sicherstellung unserer vollen Einigung in Sicht." (S.422/23)