Dass Tier und Mensch bis weit in die Moderne auch in Deutschland eine Lebens- und Arbeitsgemeinschaft waren, habe ich noch selbst erlebt, doch ist es weithin vergessen. Auch mir selbst ist es so gegangen.
Human-Animal Studies (Wikipedia)
Zugtier (Wikipedia)
Arbeitstier (Wikipedia)
Literatur:
Das »Nachpferdezeitalter« – Ende oder Beginn einer Symbiose?
Reinhart Kosselleck: Der Aufbruch in die Moderne oder das Ende des Pferdezeitalters
Hans-Ulrich Schiedt: Auf den Spuren der Arbeitstiere. Eine gemeinsame Geschichte vom ausgehenden 18. bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts. Chronos Verlag, 2024,
Hans-Ulrich Schiedt interviewt von Peter Riesbeck
"Rinder
boten erstens in der ersten Agrarrevolution die Möglichkeit, sich
aus der Abhängigkeit der einer obrigkeitlichen Herrschaft zu
emanzipieren, etwa bei Gespannen. Zweitens lieferten diese Tiere ein
großes Reservoir an unerreicht billigen, nebengewerblich erbrachten
Transportdienstleistungen. [...]
In
absoluten Zahlen hatte es am meisten Pferde und arbeitende Rinder in
der Zwischenkriegszeit und während des Zweiten Weltkriegs – also
fast 100 Jahre nach dem Eisenbahnbau und mehr als 50 Jahre nach dem
Aufkommen der ersten Automobile. Bezogen auf die Fläche waren es die
Städte, welche die größte Arbeitstierdichte aufwiesen. In diesen
sank deren Bedeutung nach dem Ersten Weltkrieg. Ins Auge fällt auch
die regional sehr unterschiedliche Verteilung der verschiedenen
Arbeitstiere. So gab es Regionen mit eigentlichen Pferde- oder
Rinderkulturen, während im Wallis eine eigentliche Maultierkultur
gelebt wurde. [...]
In
den Quellen sind die Gesellschaftsschichten, in denen die Hunde als
Arbeitstiere gehalten wurden, oft mit einer Aufzählung umrissen: die
bäuerliche Bevölkerung, die kleineren Produzenten und Händler –
Metzger, Bäcker, Gärtner, Krämer, Milch-, Butter- und
Käselieferanten oder Hausierer. Zughunde bilden gleichsam eine
Sonde, die kleine, sozial mehr oder weniger prekäre Existenzen
sichtbar macht."
Peter Riesbeck: Im
Buch erwähnen Sie den französischen Historiker Éric Baratay, der
für das 19. Jahrhundert festhält: „Das Tier wird als
Sub-Proletarier behandelt, auf dem das Wirtschaftswachstum aufbaut.“
Was meint er damit?
Schiedt: Baratay
ist einer der wichtigsten Historiker, der Mensch-Tier-Verhältnisse
ins Zentrum seiner Studien rückt. Mit seinem Verweis, die
Arbeitstiere seien gleichsam ein Subproletariat, bezieht er sich auf
die große Bedeutung der Arbeitstiere in den seit dem 18. Jahrhundert
ansetzenden wirtschaftlichen Wachstumsprozessen etwa der
Agrarmodernisierung, des Städtewachstums und namentlich auch für
die Industrialisierung, in deren Zusammenhang der Begriff des
Proletariats erst eine Verbreitung fand. Gleichzeitig verortet er mit
diesem Begriff die arbeitenden Tiere als sozialgeschichtliche Akteure
und als sozial relevante Schicht unserer Arbeitswelt.
Ihre
Studien zeigen, dass das Verhältnis zwischen Mensch und Tier früher
viel enger und in mancher Hinsicht kenntnisreicher war…
Die
Quellen sind voller Belege, dass die Menschen, die in früheren
Zeiten mit den Tieren arbeiteten, sich sehr wohl ebenfalls der
Subjektivität ihrer Tiere bewusst waren und in einem eigentlichen
partnerschaftlichen Verhältnis mit ihnen lebten und arbeiteten. Die
Erfahrung ist zahlreich überliefert, dass nur wer sich des
individuellen und artspezifischen Eigensinns und des Eigenwillens der
Tiere bewusst war, zusammen mit den Tieren gute Arbeit leisten
konnte. Allerdings wurde diese Erfahrung dann doch zuweilen so
normativ abgefasst, dass, wenn wir auf die ebenfalls überlieferten
Misshandlungen blicken, zwischen den Zeilen klar wird, dass auch oft
gegen dieses Gebot verstoßen wurde.
Im
Nachlass einer im Zweiten Weltkrieg aus Ostpreußen vertriebenen
Familie, die in Holstein gelandet war, fand sich mit der monatlichen
Postanweisung für die Pacht der Hinweis des Pferdeknechts, der mit
dem Tier in Köln gestrandet war, an die einstigen Besitzer: „Dem
Tier geht es gut.“ Würden Sie so weit gehen zu sagen: Arbeitstiere
gehörten zur Familie?
Ich
könnte etliche Quellen vorlegen, in denen die Arbeitstiere als
eigentliche Familienmitglieder erscheinen. Der Forscher Georg Schmidt
bemerkte zu bäuerlichen Familienwirtschaften des ausgehenden 18. und
der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts: „Sie pflegten und
schmückten das Vieh oft sorgfältiger als die leiblichen Kinder, die
noch keinen Anteil am mühsamen Tagewerk hatten. Sie passten ihm
ihren eigenen Arbeitsrhythmus an und konnten sich nur schwer von ihm
trennen.“
War
das Arbeitstier früher also mehr Haus- als Nutztier?
Tatsächlich
ist das Arbeitstier in der eingangs unternommenen Präzisierung
beides: Mit der Haltung eines Arbeitstiers waren immer auch weitere
Nutzungen verbunden, so etwa die Nachzucht, bei Rindern
beispielsweise die Milch- und Fleischnutzung, bis hin zur Verwendung
der Haut als Leder und der Knochen als Grundstoffe für Leim und
Seife. Die Menschen, die mit den Tieren arbeiteten, waren sich dieser
Ambivalenz durchaus noch bewusst. Die Tierarbeit beruhte auf einer
mensch-tierlichen Zusammenarbeit, die die weitere Verwertung und
Nutzung der Tiere nach ihrem Tod miteinschloss.
Nach
all der intensiven Befassung: Haben Sie ein Lieblings-Arbeitstier?
Persönlich
am nächsten kamen mir vielleicht die Arbeitshunde und die Maultiere,
weil in diesen so viele unterschiedliche Facetten der Existenzen
greifbar werden, in denen sie gehalten wurden.
Ochs
und Esel bilden in der biblischen Erzählung den tierischen Rahmen
der Weihnachtsgeschichte. Wofür stehen die Tiere?
In
meiner persönlichen Sozialisierung in der Sonntagsschule gehörten
Ochs und Esel einfach zur heiligen Familie. In der gedrechselteren
christlichen Ikonografik stand der Ochs etwa für das Volk Israel und
der Esel für die Heiden.
Und
die Schafe?
Sie
sind mit ihren Hirten Zeugen des heiligen Moments und die ersten
gläubigen Christen. Das sind nicht nur metaphorische oder
allegorische Zuschreibungen. Im Stall kommt die Tier- und Menschwelt
zusammen; im Stall brechen die Grenzen zwischen Natur und Kultur auf."
https://www.shz.de/deutschland-welt/SH_am_Wochenende/artikel/vergessene-helfer-arbeitstiere-praegten-die-geschichte-48111588 14.12.2024
vgl. auch:
Peter Riesbeck: "Im Stall finden Tier und Mensch zusammen" FR 4./5.1.25:
Riesbeck: Die Schweiz hat ab 1866 Arbeitstier statistisch erfasst. Wann war der Höhepunkt der Arbeitstiere?
Schiedt: In absoluten Zahlen hatte es am meisten Pferde und arbeitende Rinder in der Zwischenkriegszeit und während des Zweiten Weltkriegs – also fast 100 Jahre nach dem Eisenbahnbau und mehr als 50 Jahre nach dem Aufkommen der ersten Automobile. Bezogen auf die Fläche waren es die Städte, welche die größte Arbeitstierdichte aufwiesen. In diesen sank deren Bedeutung nach dem Ersten Weltkrieg. Ins Auge fällt auch die regional sehr unterschiedliche Verteilung der verschiedenen Arbeitstiere. So gab es Regionen mit eigentlichen Pferde- oder Rinderkulturen, während im
Wallis eine eigentliche
Maultierkultur gelebt wurde.
Peter Riesbeck: Vom Stall in die Stube Die Rheinpfalz 30.11.24