Montag, 29. Juli 2024

Als Deutsche in Deutschland Asyl suchten

 Vier schlichte Worte, beinahe bekenntnishaft klingen sie: "Politisch Verfolgte genießen Asylrecht." So steht es im Grundgesetz, Artikel 16 a, Absatz 1. Der Parlamentarische Rat, der von September 1948 bis Mai 1949 über das Grundgesetz beriet, habe damit etwas völlig Neues geschaffen, lautet die gängige Einschätzung. Von einem "Sonderweg", eingeschlagen, um ausländischen Verfolgten umfassend Schutz zu gewähren, sprach unlängst der Historiker Heinrich August Winkler. Sein Kollege, der Migrationsforscher Klaus Bade, hat den Artikel 16 sogar als "die historische Antwort der Deutschen auf die Erfahrungen des Nationalsozialismus" bezeichnet.

Vertieft man sich in die Protokolle des Parlamentarischen Rates und rekonstruiert man die Debatten, die vor 75 Jahren die Entstehung des Grundgesetzes begleiteten, ergibt sich ein anderes Bild. Zwar ist das Grundrecht auf Asyl bis heute eine besondere Errungenschaft der westdeutschen Demokratie, aber es war seinerzeit weniger eine Lehre aus der NS-Zeit als eine Reaktion auf die Herausforderungen der Nachkriegsjahre. Dem Parlamentarischen Rat ging es daher nicht vorrangig um ausländische Verfolgte – sondern um deutsche.

(Als Deutsche in Deutschland Asyl suchten Die vergessene Entstehungsgeschichte des umkämpften Artikels 16 im Grundgesetz von Michael Mayer, Die ZEIT 23.5.2024              Nr. 23/2024)

Daraus zusätzlich: "[...] Den Hintergrund dieser Debatte bildete die innerdeutsche Fluchtkrise, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelt hatte: Seit Jahresbeginn 1947 flohen immer mehr Menschen aus der SBZ in die Westzonen, da sich ihre Lebensbedingungen massiv verschlechterten und die politische Verfolgung zunahm. Vor allem Niedersachsen war aufgrund seiner langen Demarkationslinie zur sowjetischen Zone von illegalen Einreisen betroffen. Dennoch hatte die britische Besatzungsmacht angeordnet, dass alle SBZ-Flüchtlinge in der britischen Zone aufgenommen werden müssen. Mit mehr als zwei Millionen Flüchtlingen und Vertriebenen war Niedersachsen bald regelrecht überfüllt. Am 7. Mai 1947 erließ die niedersächsische Regierung deshalb mit britischer Zustimmung eine Verordnung, wonach nur noch politisch Verfolgte, die "einen Nachweis hierfür erbringen", Aufnahme finden sollten. Von diesem Zeitpunkt an mussten SBZ-Flüchtlinge ein Asylverfahren durchlaufen. Wer keine Verfolgung nachweisen konnte, durfte nicht bleiben. Das Ziel der neuen Verfahren (die bald auch die anderen Länder der britischen Zone übernahmen) war also ein doppeltes: Sie sollten Verfolgte schützen und zugleich die Zuwanderung reduzieren. Mindestens zwei Drittel der Flüchtlinge wurden fortan zurückgeschickt. 

Anders war die Lage in der amerikanischen Zone. Die US-Behörden schoben illegal eingereiste SBZ-Flüchtlinge sofort wieder ab. Selbst politisch Verfolgte verschonten

 sie in der Regel nicht. Allein im Sommer 1947 griffen amerikanische Grenzschützer monatlich 

rund 36.000 Flüchtlinge auf und übergaben sie den sowjetischen Grenzbeamten.

Unterschiedliche Motive für die Asylpolitik

Die Länder in der US-Zone begrüßten dieses Vorgehen, forderten aber Ausnahmen für politisch Verfolgte. Deshalb führten sie im Frühjahr 1947 informelle Anerkennungsverfahren ein, um Flüchtlinge im Einzelfall schützen zu können. Die Korrespondentin der New York Herald Tribune, Marguerite Higgins, berichtete am 24. Juli 1947, dass die deutschen Beamten US-Militärgouverneur Lucius D. Clay durch diese Praxis dazu bewegen wollten, "seine Haltung etwas zu modifizieren". Kurz darauf bat der stellvertretende bayerische Ministerpräsident Wilhelm Hoegner Clay im Namen der Länder darum, "eine Ausnahme für die zwei bis drei Prozent der illegalen Zuwanderer zu machen, die sich in der Situation befänden, nach ihrer Rückkehr nach Sibirien oder in andere Gegenden verschickt zu werden". Doch der Militärgouverneur blieb hart. Er müsse darauf bestehen, "dass alle zurückgehen".

Die Länder der britischen und der amerikanischen Zone hatten also überaus unterschiedliche Motive für ihre Asylpolitik. Da sich ihre Ziele aber mit demselben Mittel erreichen ließen – mit Anerkennungsverfahren für Geflüchtete –, einigten sie sich schon im Sommer 1947 auf ein einheitliches Asylprozedere: die einen, um mehr Flüchtlinge abschieben zu können, die anderen, um einige wenige vor der Abschiebung zu retten. 1948 schlossen sich auch die Länder der französischen Zone an.

Vier bekenntnishafte Worte mit einem Hintergedanken

Der am 1. September 1948 zusammengetretene Parlamentarische Rat baute auf dieser Politik der westdeutschen Länder auf. Unumstritten war dabei, dass nicht nur deutsche, sondern auch ausländische Verfolgte Schutz finden sollten. So betonte etwa der spätere hessische Ministerpräsident Georg-August Zinn (SPD): "Der politisch verfolgte Ausländer soll Asylrecht bei uns haben." Ausländer aber standen nicht im Mittelpunkt der Debatte, da die Westzonen für die meisten ausländischen Flüchtlinge nach dem Krieg nur eine Durchgangsstation waren.

Nur: Wenn sich die Diskussion vor allem um deutsche Flüchtlinge drehte, weshalb schlug sich dies nicht im Asylartikel nieder? Weshalb dann die neutrale Formulierung "Politisch Verfolgte genießen Asylrecht", auf die sich der Grundsatzausschuss des Parlamentarischen Rats bereits am 23. September 1948 einigte?

Eine neutrale Formulierung, um Klippen zu umschiffen

"Diese Dinge sind so prekär", erklärte der Ausschussvorsitzende Hermann von Mangoldt (CDU), "dass wir sie in der Öffentlichkeit nicht behandeln können." Man müsse verhindern, dass aufgrund des Asylartikels "eine Diskussion über innerdeutsche Fragen entsteht, die gefährlich werden könnte". Nicht nur Mangoldt befürchtete, dass ein explizites Asylrecht für SBZ-Flüchtlinge die sowjetische Zone indirekt zum "Ausland" erklären würde. Schließlich wurde Asyl gemeinhin nur Ausländern gewährt. Mit der neutralen Formulierung war diese Klippe umschifft. Zudem hätten die Besatzungsmächte ein Asylrecht nur für Deutsche nicht akzeptiert.

Die vier bekenntnishaften Worte waren also mit einem Hintergedanken verbunden: Sie sollten insbesondere den "Bewohnern der russischen Zone unter allen Umständen Schutz" bieten, wie Mangoldt es ausdrückte. Deshalb wurde das Asylrecht auch in den Grundrechtekatalog aufgenommen. [...]"


Freitag, 7. Juni 2024

Archäologie und Rübenzucker

Spodium ("auch Knochenasche oder Beinasche) ist ein aus Tierknochen gewonnenes Salzgemisch". (WikipediaWikipedia)

Es erklärt, weshalb man von den knapp 200 000 Soldaten, die beim Rückzug Napoleons aus Russland ums Leben kamen und den etwa 20 000, die bei der Schlacht von Waterloo gefallen sind, so gut wie keine Knochen gefunden hat. Spodium wurde eben nicht nur aus Tierknochen hergestellt. 

Jaroslav Hašek lässt seinen Schwejk sagen: "Aus unseren Knochen wird man Spodium für dei Zuckerfabriken erzeugen." Der Leutnant erklärt dann: "Wenn ihr mal im Krieg fallen werdet, so macht man aus jedem Knochen von euch 1/2 Kilo Spodium, aus jedem Mann über 2 kg, Beine und Pratzen zusammen genommen, und in der Zuckerfabrik wird man Zucker durch euch filtrieren, ihr Idioten“.

Mittwoch, 5. Juni 2024

Donauzivilisation oder Alteuropa

 "Mit Donauzivilisation, Donaukultur oder Alteuropa bezeichnet der Linguist Harald Haarmann ein Geflecht auffällig intensiver zivilisatorischer Aktivitäten in der Zeit von ca. 5000 bis ca. 3500 v. Chr. auf der Balkanhalbinsel. Seine damit verbundene Hypothese einer vor-indogermanischen  chalkolithischen   Hochkultur und einzelne Thesen zu Schrift und Sozialstruktur werden in der archäologischen Forschung meist nicht anerkannt oder ernten starken Widerspruch.

Unbestritten ist die Fülle der archäologischen Funde und Befunde in der Region. Die Datierungen konnten Anfang des 21. Jahrhunderts verfeinert und abgesichert werden, und das Material wird erst nach und nach einer größeren Öffentlichkeit im Zusammenhang bekannt.[1] Schwierig und umstritten sind die Deutungen.[2] Haarmann versteht die Donauzivilisation als früheste Hochkultur Europas und Vorgängerkultur der minoischen und der mykenischen Kultur. Er fasst unter diesem Begriff verschiedene miteinander verwandte archäologische Kulturen zusammen, die sämtlich von den neolithischen Kulturen von Sesklo in Griechenland und Starčevo-Criş in Serbien und Rumänien abstammen.[3] Diese bezeichnet Haarmann als Kulturprovinzen, wie Vinča (ca. 5500–3000 v. Chr.), Karanovo (6200–3000 v. Chr.), Cucuteni (5050–3500 v. Chr.), Theiß und Lengyel (ca. 5400–3700 v. Chr.). Ihre Verbreitung erstreckt sich von der Slowakei über Serbien und Bosnien bis in die heutige Ukraine." (Wikipedia)

Zitat aus:  


Harald HaarmannDas Rätsel der Donauzivilisation – Die Entdeckung der ältesten Hochkultur Europas. Verlag C.H. Beck, München 2011, S.11:



"[...] Die Träger der Donauzivilisation haben verschiedene Formen des Handwerks und des Kunsthandwerks gekannt. Die Weberei und Textilherstellung erfolgte angeblich mithilfe eines vertikal gerichteten Webstuhls mit Webgewichten. Die so hergestellte Kleidung wurde drapiert getragen. Bei Frauen waren lange drapierte Röcke beliebt. Die Töpferei erfolgte mithilfe von Töpferrad und Brennofen. Bei der Metallbearbeitung dominierte die Verwendung von Kupfer, erst durch Kalthämmern und dann durch Metallschmelzen. Ab 4500 v. Chr. sei dann auch Gold bearbeitet worden. [...]" (Wikipedia)

Mittwoch, 24. April 2024

Armut in der Spätantike und heute

 Wenn man aufgrund der inzwischen recht hohen Qualität und wegen des leichten Zugriffs auf die Wikipedia gewohnt ist, sich weitgehend dort über historische Zusammenhänge zu informieren, hat es manchmal etwas Erfrischendes, historische Darstellungen zu lesen, in denen der Autor sich allgemeine Aussagen erlaubt, wie sie bei einem Autorenkollektiv wie bei der Wikipedia als Theoriefindung verpönt wäre. 

So schreibt Steven Runciman: "Das Leben der Armen ist mehr oder weniger zu allen Zeiten und in allen Ländern dasselbe: es erschöpft sich in der angstvollen Sorge um den nackten Lebensunterhalt." (Steven Runciman: Von der Gründung bis zum Fall, Erstfassung 1932, zitiert nach dtv 1983, S.244) 

Und fährt dann fort: "Die Armen von Konstantinopel lebten in tiefem Schmutz, obwohl ihre Slums unmittelbar in die Paläste der Reichen anstießen, aber sie waren vielleicht doch besser daran als die Armen der meisten Völker. Der Zirkus, ihre einzige Erholung stand ihnen kostenlos offen. Die unentgeltliche Verteilung von Brot war zwar von Herakleios [619] abgeschafft worden, aber freie Verpflegung stand nach wie vor für alle bereit, die für den Start arbeiteten, etwa bei der Instandhaltung der öffentlichen Anlagen und Aquädukte oder in den staatlichen Bäckereien. Es war Aufgabe des Quästoren, darüber zu wachen, dass Mittellose auf diese Art eine nützliche Arbeit bekamen und dass niemand ohne Beschäftigung blieb. Um das zu garantieren, war es verboten, die Stadt ohne behördliche Arbeitsgenehmigung zu betreten." (S. 244)

Offenkundig hier die Abstufung der Armut zwischen der Großstadt, deren Arme (ähnlich wie in de Festung Europa) vor der Konkurrenz durch Migranten geschützt wurden. 

Nun wieder Runciman:

"Angesichts all dieser karitativen Einrichtungen ist es wahrscheinlich, dass es nur wenig wirklichen Hunger gab. Es ist auch wesentlich zu bemerken, dass niemals anarchistische oder kommunistische Ideen der Antrieb waren, wenn das Volk sich zu seinen Aufständen erhob. Dabei mochte es zum Beispiel um die Absetzung eines schikanösem Ministers gehen oder um die Ausrottung verhasster Fremder, jedoch niemals um den Versuch einer gewaltsamen Veränderung der Gesellschaftsordnung. Wenn das Volk, wie nicht selten, seine ursprünglichen souveränen Rechte anmeldete, so geschah es tatsächlich eher zur Rettung des purpurnen kaiserlichen Blutes vor einem übermütigeren Usurpator.

Neben den freien Armen gab es noch eine beträchtliche Sklavenbevölkerung. Wie groß diese tatsächlich war, lässt sich nicht mehr sagen; dass Christen versklavt wurden, hielt man schon bald für Unrecht – freilich waren auch die Freien auf dem flachen Land kaum mehr als Sklaven. jedenfalls wurden bis zum zwölften Jahrhundert islamische Ungläubige und heidnische Sklaven sowohl im privaten Dienst wie auch in den staatlichen Bergwerken und anderen staatlichen Unternehmen beschäftigt. Es waren entweder nicht zurückgekaufte sarazenische Gefangene oder öfter noch Menschenware, die die Händler aus den Steppen herbeischafften; vor allem die Rus/sen verkauften regelmäßig die Beute ihrer Raubzüge auf dem Markt von Konstantinopel. Es bestand allerdings von Anfang an ein Ressentiment gegen die Sklaverei, das ständig zunahm. [...] Allmählich stieg infolge der Ausbreitung der kulturellen Errungenschaften der Preis für die menschliche Ware zu unerschwinglicher Höhe; doch wahrscheinlich waren noch im 14. Jahrhundert ins Konstantinopel Sklaven zu finden. Soweit sie privaten Herren gehörten, war ihr Leben vermutlich durchaus erträglich und menschenwürdig; ihre Leidensgenossen im Staatsbesitz freilich wurden wohl immer noch wie Vieh behandelt." (S. 245/46)

Jetzt aber zur Darstellung der Wikipedia, hier im Blick auf die gesamte Spätantike:
"Dem gegenüber galt der Großteil der Bevölkerung als „arm“, was aber nur grundsätzlich bedeutete, dass man nicht von seinen Pfründen oder seinem Grundbesitz leben konnte, sondern für seinen Broterwerb selbst arbeiten musste. Daher wird diese Vorstellung von einer simplen Unterteilung in „Arm“ und „Reich“ der komplexen Realität kaum gerecht, wenngleich in den Quellen teils – wie zu allen Zeiten – gegenüber den sozialen Eliten der Vorwurf der Verschwendungssucht erhoben wird.

Auf dem Land galt für die Pächter der Großgrundbesitzer in der Regel die Bindung an das zu bearbeitende Stück Land, die sogenannte Schollenbindung (siehe Kolonat). Diese Maßnahme sollte die Bearbeitung des Bodens sichern und damit dem Staat stabile Einnahmen garantieren. Eine generelle, reichsweite Verarmung der Kleinbauern und ihre grundsätzliche Verdrängung durch die Kolonen lässt sich dabei nicht konstatieren. Auf dem Land, vor allem in Gallien, kam es jedoch vereinzelt zu Aufständen der Bagauden, deren Ursachen umstritten sind, ähnlich wie die Hintergründe der Circumcelliones in Africa. Insgesamt kennen wir für die Spätantike auch unter Einrechnung städtischer Revolten weniger Fälle von sozialen Unruhen als für die früheren Phasen der römischen Geschichte.[334]

Sklaven waren weiterhin allgegenwärtig und ihr Besitz war wohl kein Privileg reicher Personen; bereits Familien mit einem mittelgroßen Einkommen setzten durchaus Sklaven ein, teils verfügten sogar Kolonen über sie. Die Bedeutung der Sklaven variierte aber stark in den unterschiedlichen Provinzen. Während in Italien, Sizilien und Hispanien Sklaven seit der frühen Kaiserzeit in großem Umfang in der Landwirtschaft eingesetzt wurden, war ihre Bedeutung etwa in Ägypten sehr viel geringer, da dort stärker freie Arbeiter beschäftigt wurden. In Africa und Kleinasien bestand die überwiegende Mehrheit der Arbeiter ebenfalls aus Freien. Insgesamt scheinen Sklaven auf großen Gütern weniger eingesetzt worden zu sein.[335]"

Hier wird sorgfältig vermieden, eine allgemeine Aussage über Armut - und sei es auch nur in der Spätantike - zu machen, und zwar werden gleich alle, die überhaupt für ihren Broterwerb arbeiten müssen, zu den im weiteren [damals üblichen] Sinne zu den Armen gerechnet.

Dass die Stadtbevölkerung von Konstantinopel, die die Energie zu ideologisch bedingten (nicht aus Hungersnot mehr oder minder erzwungenen) Aufständen hatte und die Kleinbauern nicht existenzgefährdend verarmt war, scheint aus dieser Darstellung hervorzugehen. Demnach bestand die soziale Scheidung damals wohl eher zwischen privaten und öffentlichen Sklaven und zwischen abhängigen und versklavten Landarbeitern. Die in Bergwerken oder auf Galeeren eingesetzten Sklaven hatten wohl selbst gegenüber versklavten Landarbeitern ein besseres Los. 

Im Blick auf unseren heutigen Sozialstaat wird Runcimans Definition von Armut, sie erschöpfe "sich in der angstvollen Sorge um den nackten Lebensunterhalt" so pauschal gewiss nicht gelten, doch angesichts der Überlastung der staatlichen Finanzen und der anscheinend unmöglichen Heranziehung der Superreichen zu einem wesentlichen solidarischen Beitrag zu den zwingenden staatlichen Aufgaben kommt wieder Sorge auf. 

Freilich, existenziell in dem Sinne, dass es um das nackte Überleben geht, ist sie bisher nur im Globalen Süden angesichts von Dürren und Überschwemmungen, die Millionen bedrohen, begründet. - Wenn die Solidarität weiterhin ausbleibt, könnte es auch in Europa weithin zur existenziellen Armut, wie sie die Unterschicht der antiken Armen betraf, kommen. 


Außerhalb des Zusammenhangs hier erwähnt, weil er von Runciman oft herangezogen wird: Michael Psellos 

"[...] Aber auch kein Urteil ist zu hoch, um die geistige Kraft dieses Mannes zu kennzeichnen. Sein Wissen erstreckte sich auf alle Gebiete und war den Zeitgenossen schlechthin ein Wunder. Er war erfüllt von einer glühenden Liebe für die antike Weisheit und Dichtung. … Das Studium der Neuplatoniker genügte ihm nicht, er fand den Weg zur Quelle, hat Platon kennengelernt und kennen gelehrt.. Er war der größte byzantinische Philosoph und zugleich der erste große Humanist.“


– Georg OstrogorskyGeschichte des byzantinischen Staates[9] (Wikipedia)

Montag, 22. April 2024

Samstag, 9. März 2024

Fluchtpunkt Empires. Wahrnehmung und Erfahrung

Ulrike von Hirschhausen, Jörn LeonhardEmpiresEine globale Geschichte 1780-1920

Perlentaucher

https://westeuropa.geschichte.uni-freiburg.de/fluchtpunkt-empires-wahrnehmung-und-erfahrung-joern-leonhard-und-ulrike-von-hirschhausen-zu-gast-bei-l-i-s-a-gerda-henkel-stiftung

https://lisa.gerda-henkel-stiftung.de/zugastbeilisa_leonhard_vonhirschhausen_empires?newsletter=1#audio-11554:

Stichpunkte des Gesprächs:

Kolonisator und Kolonisierte sind keine sich ausschließende Dichotomie

In den konkreten Situationen vor Ort entstehen Mischsituationen

Kritik an Dichotomien

exzessive Landmacht - maßvolle Seemacht

Zentrum (mächtig) Peripherien (abhängig) In den Randregionen ist das so nicht gegeben.

Galizien wurde durch Rohstoff Erdöl wichtiger. Deshalb den Begriff Peripherie fallengelassen. Machtzentrum von der Randregion her in Frage gestellt.

Auch keine Dichotomie Empire und Nationalstaat mehr akzeptiert. 

Nationalisierende Tendenzen bei den Empires

Herrschaftstechnik der Zentrale von der Randregion benutzt, um die Herrschaft zu schwächen. Die imperiale Herrschaftstechnik Volkszählung wird von den Nationen in Wahlen uminterpretiert. In Österreich und im britischen Empire in Indien. Die Gezählten haben eine Konversion des Instruments. - Die Rolle der Kolonialsoldaten im 1. Weltkrieg wird für eine Verbesserung des Status im Empire genutzt. 

Zentrale Versuch über Eisenbahnbau das Empire zu vereinheitlichen, im Randgebiet wird das zum Widerstand benutzt. Vorgeschichte der Dekolonisierung. 

Transsibirische Eisenbahn von Revolutionen gegen die Herrschaft der Zaren genutzt.

Afrikaner nutzen das Rechtsversprechen gegen die Zentrale: gegen Frankreich, gegen Großbritannien im Kontext des Burenkrieges. 

Rolle von Ideologien? Weshalb klappt es nicht mit der Niederwerfung der Randgebiete?

Eine Rolle spielen die Kosten. Verschlankung des Beamtenapparats, bedeutet eine Ermächtigung der Bevölkerung der Randgebiete. Ho Tschi-minh lernt aus dem Vergleich mit den afrikan. Randgebieten., sieht, dass dort günstigere Verhältnisse entstehen. 

Das Neue im Buch:

Globalisierung von Empire - Herrschaft vor Ort

Empire u Nationalstaat gehen ineinander über, weil die Empires nationalstaatliche Modelle zur Modernisierung zu nutzen versuchten, was zu Rückschlägen führte.

Steckt im Buch eine Geschichtstheorie?  Bewohner der Randgebiete entwickeln sich zu Bürgern.

Leonhardt hält dagegen: Senghor (négritude), Gandhi sind Gegenbelege.

Leonhardt: Putin allerdings greift auf den Denkstil des Empire zurück. Ähnlich China gegenüber Taiwan.

Vergleich British Empire USA. Leonhardt: Translatio imperii von Großbritannien zu USA, aber historisch die Vorstellung vom Imperium wegen des demokratischen Impetus nicht einfach aufgreifbar. Der "gute Hegemon" ist nicht zu sehen.


Montag, 26. Februar 2024

Die Nato, das britische Weltreich, das Commonwealth - historische Schlaglichter

 Die Nato hat sich wiederholt das Ziel gesetzt, wonach jedes Mitglied 2% seines Bruttoinlandsprodukts für Verteidigungsausgaben aufwenden sollte.

"Wie entstand das Zwei-Prozent-Ziel? [...] Es handelt sich um ein Ziel, das sich die NATO-Staaten gemeinsam setzten [...] zum NATO-Gipfel 2002 in Prag. Damals wurden die baltischen Staaten, Bulgarien, Rumänien und die Slowakei eingeladen, Mitglieder der Allianz zu werden. Eine Bedingung war es, "genügend Ressourcen" in die Verteidigung zu investieren. Der Richtwert für jeden Aspiranten lautete zwei Prozent seines BIP. Der Gerechtigkeit halber sollten aber auch jene Staaten, die der NATO bereits angehörten, dieses Ziel anstreben Festgeschrieben wurde das Zwei-Prozent-Ziel noch einmal 2014 beim NATO-Gipfel in Wales. Das war nach der Annexion der Krim und dem Kriegsausbruch in der Ukraine." (tagesschau 3.4.2019)

Der aktuelle Grund war, dass die neuen Nato-Mitglieder relativ finanzschwach waren, aber die Gefahr, dass in einem Konflikt mit Russland besonders betroffen wären. Sie zu Mindestzahlungen zu verpflichten, aber Gerechtigkeit zwischen Alt- und Neumitgliedern herzustellen, war ein zweiter Aspekt. Natürlich spielte auch hinein, dass der Aufwand der USA im Vergleich zu den anderen Mitgliedstaaten unverhältnismäßig hoch ist:

 "Insgesamt haben die kumulierten Militärausgaben des NATO-Bündnisses im Jahr 2022 geschätzt rund 1,175 Billionen US-Dollar betragen. Davon sind rund 822 Milliarden US-Dollar auf die USA und rund 353 Milliarden US-Dollar auf die übrigen 29 NATO-Staaten entfallen." (de.Statista.com

Vergleichbar war 1897 die Situation zwischen Großbritannien und den anderen Staaten des British Emire:

"Für die See- und Landverteidigung wurden im Vereinigten Königreich jährlich 29 Schilling und 3 Pence pro Kopf der Bevölkerung ausgegeben; in Kanada dagegen nur 2 Schilling, in Neu Süd Welt 3 Schilling und 5 Pence, in Victoria 3 Schilling und 3 Pence, in Neuseeland 3 Schilling und 4 Pence und in der Kapkolonie sowie in Natal nur zwischen 2 und 3 Schilling pro Kopf der weißen Bevölkerung. Chamberlain sagte: 'Nun wird niemand behaupten, dass das eine gerechte Verteilung der für das Reich anfallenden Lasten ist. Niemand wird behaupten, daß das Vereinigte Königreich für alle Zeiten dieses außerordentliche Opfer bringen kann."(Nicholas Mansergh: Das britische Commonwealth 1969, in Kindlers Kulturgeschichte  Europas Bd.17, S. 249)

mehr dazu:






















Bei der Auseinandersetzung zwischen der Gruppe, die das Empire in einen Bundesstaat umwandeln wollten (Imperial Federation League) (Gründung des Vereins 1884), setzten sich zum Glück die durch, die den Kolonien eine größere Selbständigkeit zugestehen wollten. Nur das - so Mansergh - ermöglichte den Übergang des British Empire über die Bildung von Dominions zu den gleichberechtigten Mitgliedern des British Commonwealth im Statut von Westminster 1931, dem heutigen Commonwealth of Nations

Versöhnung?

In der Zeit von 1945 bis 1966 gab es in der jüdischen Weltöffentlichkeit große Zweifel daran, ob ein jüdisch-deutscher Dialog nach dem Holoc...