Dienstag, 17. Februar 2026

Zur Kriegsschuldfrage am Ersten Weltkrieg

 Clark ist ein hervorragender Historiker. Aber wenn er von Schlafwandlern spricht, die nicht wussten, was sie taten, meint er damit nicht, dass alle unschuldig waren.

Vor dem Krieg war aufgrund der gegenseitigen Spannungen auf vielen Seiten das Gefühl, dass es so nicht lange weitergehen könne. ("Besser eine Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende.")

Man hatte die Erfahrung gemacht, dass Kriege Lösungen herbeiführten: Das Zeitalter der napoleonischen Kriege wurde durch den Sieg der Alliierten über Napoleon beendet und es begann eine Zeit der Zusammenarbeit in der "Heiligen Allianz". Die wurde durch die Revolutionen von 1848 gestört, aber nach deren Niederschlagung war wieder Ruhe und viele Revolutionäre gingen nach Amerika. Als dann aber der alte deutsch-französische Gegensatz wieder aufbrach, sorgte der Sieg Deutschlands über Frankreich wieder für eine Ruhezeit.

Kriege schienen Problemlösungen zu bringen. (Im Nachhinein ist klar, dass das eine schiefe Sichtweise war, aber man konnte so denken.)

Als die Spannungen auf dem Balkan zunahmen, als die Kolonialmächte sich über ihren Eroberungen zerstritten, als die allgemeine Spannung zunahm und Deutschland in Rivalität gegen Großbritannien auftrat (vorher galt: Großbritannien war nach dem Sieg über Napoleon nur am Gleichgewicht der Kräfte interessiert, so lange die anderen Mächte ihr Empire nicht störten), als die Spannungen also unerträglich zunahmen, entstand das Gefühl, es müsste wieder zu einer Klärung kommen.

Dass darüber etwas, was es noch nie gegeben hatte, der erste Weltkrieg der Geschichte entstehen würde, sahen die Wenigsten voraus (fast alle "Schlafwandler"), aber sie waren nicht ganz unschuldig. Jeder wollte seine eigene Sicherheit. Und das ging schief.

Der Frieden nach dem Ersten Weltkrieg sorgte aber nicht für eine lange Ruhephase wie die vorigen Kriege, sondern für furchtbare Zerstörungen und führte zum Zweiten. Da war es wichtig, dass ein deutscher Historiker sagte: Wir Deutschen waren nicht unschuldige Opfer der Niederlage im Ersten Weltkrieg und des Versailler Friedens, dessen Bekämpfung Hitler ermöglichte, den nächsten Krieg anzuzetteln. Die deutschen Regierungen wollten ihre Interessen wahren und haben dafür den Krieg in Kauf genommen, von dem sie meinten, er könne - wie im Krieg von 1870/71 - gut für sie ausgehen. Insofern waren sie schuld am Krieg.

Und gut war, dass ein neutraler (australischer) Historiker sagte: Die Deutschen waren nicht die Einzigen, die einen Krieg in Kauf genommen haben.

So allgemein gesehen haben beide Recht und du mit der Vermutung "Deutschland war schuld" natürlich auch. Wie die internationale Historikergemeinschaft über die Phase vor dem Ersten Weltkrieg in 20 und in 50 Jahren urteilen wird, brauchen wir nicht zu wissen.

Wenn andere sagen: Deutschland hatte nicht die Alleinschuld und du der Meinung bist, Deutschland war am Krieg schuld, passt das gut zusammen. Hauptsache, niemand behauptet, Erzherzog Franz-Ferdinand war schuld, weil er sich hat ermorden lassen.

Zwar hatte er sich in mancher Weise unbeliebt gemacht, aber Präventivkriegsplanen gegen Serbien hatte er deutlich widerstanden.

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