Samstag, 30. August 2025

Ähnlichkeiten und Unterschiede zur heutigen Situation sollte man nicht vergessen

 

Der Dissens zwischen Falken und Tauben. 

Über das Irrationale in der Sicherheitspolitik

von Ernst Tugendhat Die Zeit, 20.6.1986

"[…] Es ist dies erstens die Frage, für wie gefährlich man die Russen hält, zweitens die Frage, für wie wahrscheinlich man bei der jetzigen Militärpolitik den Ausbruch des Atomkrieges hält. Die Falken werfen den Tauben in der ersten Frage, die Tauben, den Falken in der zweiten Frage Naivität beziehungsweise Realitätsverleugnung vor [Unter Umständen…] kann es rational sein, eine Abschreckungsstrategie aufzubauen. Das ist also eine durchaus rationale Prämisse der Falken, und wenn viele in der Friedensbewegung [...] diese Prämisse schon als solche bestreiten, setzen sie sich ihrerseits dem berechtigten Vorwurf der Naivität aus. [… ] Sie betrifft die Frage, wieweit Tauben und Falken bei den beiden entscheidenden Einschätzungsfragen, die die Differenz ausmachen, die zwischen ihnen besteht, von irrationalen Faktoren bestimmt sein können, die uns aus allgemeinen psychologischen Beobachtungen bekannt sind. [Die Antwort ist offen]

Wir haben vorhin gesehen, dass auch die Tendenz besteht, die eigene Gefährlichkeit für die andere Seite nicht wahrzunehmen. [...] Man ist verblüfft das Fisher sich die Frage überhaupt nicht stellt, ob der Westen nicht gerade von sich aus das heraufbeschwört, was zu vermeiden wäre. [...]

Man weist hier auf vereinzelte, historische Tatbestände wie die Appeasement-Politik gegenüber Hitler in den dreißiger Jahren hin: Eine allgemeine sozialpsychologische Tendenz lässt sich daraus nicht ableiten und scheint auch nicht zu bestehen. [...]

Die Argumente, die zeigten, dass die Stationierung der neuen Raketen nicht zur Abwehr gegen die SS-20 dienen konnten und die Gefahr des Ausbruchs eines Atomkriegs erhöhen mussten, waren alle um zwei, drei Ecken komplexer als das schlichter Argument „wenn sie Mittelstreckenraketen haben, brauchen auch wir welche, so wird das Gleichgewicht wiederhergestellt.“ […]

Mit Bezug auf SDI gar, für das es aus europäischer Perspektive ein militärpolitisches Argument überhaupt nicht mehr gibt, hat sich die Argumentation auf offizieller Seite in der Bundesrepublik [...] ganz auf die Treue zum großen Bruder verlegt. Ob sich das durchhalten lassen wird, wird sich zeigen müssen. Wenn ja, ist das eine – durch das Ausmaß der Hintanstellung der eigenen realen Interessen – geradezu fantastisch wirkende Bestätigung des sozialpsychologischen Befundes, dass sich der Schwache durch Vasallentreue zum Mächtigen in seinem Selbstwert- und Sicherheitsgefühl kompensieren kann. [...]

[In Australien wollte man sich gegen einen Angriff der Sowjetunion durch ein Bündnis mit den USA schützen. Dieser Verteidigungspakt mit den USA hat] „zum Bau einer der großen für das weltweite US-Satellitensystem lebenswichtigen Basen in Australien“ [geführt. ] „und so ist das Land zu einem der im Ernstfall vordringlichen Ziele für einen sowjetischen Raketenangriff geworden. Von weiten gesehen mag dieser Fall tragikomisch erscheinen. Irrationalitäten sind eben immer leichter bei anderen und aus der Distanz zu erkennen. Aber vermutlich unterscheidet sich diese Tragikomik, nicht wesentlich von unserer eigenen und von der der heutigen Menschheit im ganzen.“


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