Gunter Hofmann berichtet in seinem Buch Richard von Weizsäcker. Ein deutsches Leben C.H. Beck 2010
1994 sei es zu einer kurzen Kontroverse zwischen Weizsäcker und Helmut Schmidt wegen der Aussage aus "der Rede" von 1985 gekommen, "niemandem habe es entgehen können, dass Deportationszüge rollten, wenn er es wissen wollte" (S.65). Schmidt habe dem entgegengehalten, in der gesellschaftlichen Oberschicht habe man sehr viel mehr wissen können als die Durchschnittsbürger. Dann zitiert Hofmann verkürzt Schmidts Aussage über seinen Anfang in der Rekrutenstube 1937: "Allesamt seien sie der naiven Meinung gewesen: 'Gott sei Dank, jetzt sind wir endlich im einzigen anständigen Verein im Dritten Reich gelandet, wo kein Versuch der Indoktrination gemacht wurde. Wir fühlten uns sozusagen in einer Schutzzone. Wir hatten keine Ahnung von den Deporta/tionszügen. Wir haben in der Kaserne nicht einmal die 'Reichskristallnacht' mitgekriegt.'
Daraufhin Weizsäcker: 'Na ja.'
Schmidt: 'Das glauben Sie nicht, aber so war es.'
Was ich aus Berichten von Zeitzeugen in Erinnerung habe, ist, dass man in Deutschland selbst sehr wohl registrierte, dass die Verbindungen zu Juden schneller abrissen als zu anderen Bekannten. Sie waren "verzogen", aber offenbar haben sich angesichts der Häufung viele gedacht, dass sie diesen Umzug nicht freiwillig unternahmen. Und mancher fand (laut den Berichten, die ich kenne), das sei kein Verlust gewesen. Vermutlich weil man zu den Angriffen auf sie nicht mehr unmittelbar reagieren musste. (Die Verdrängung fiel leichter.) Aber ich kann mich nicht besinnen, dass ich deswegen nachgefragt hätte. Es wurde mir gesagt und ich habe es vermieden, genauer nachzufragen. Auch ich konnte leichter damit leben als mit Geständnissen, auf die ich hätte reagieren müssen.
Das Wort Deportation wurde damals offenbar nicht gebraucht und wohl auch nicht gekannt.